Über Geschmack lässt sich nicht streiten, und über Geld soll man nicht reden; beides hat man oder eben nicht: "The taste is familiar and so is the sound, it burns all my money, it turns me down", verlautbart eine Songzeile aus dem sogenannten Programm in sechs Punkten, das die österreichische Band Ja, Panik ihrem zweiten Album voranstellte. Tatsächlich ist es teils künstlerisches Manifest, teils scherzhaft-paradoxe Distanzierung von Pop-Kritik und Diskurs-Rock. Zur Verwendung von Zitaten, musikalischen wie textlichen, meint die Ende 2005 in Wien gegründete Combo übermütig: "Den Fortschritt begreifen, sich fremder Ideen annehmen, falsche Gedanken streichen und durch richtige ersetzen. Doch wider die Reproduktion! Bedient euch, schöpft aus dem Vollen eines Jahrhunderts, setzt es in neue Formen!" Das Ergebnis einer dermaßen sorglosen Plünderung von Musik- und Zeitgeschichte ist nun auf "The Taste And The Money" zu hören. Das Quintett um Sänger und Gitarrist Andreas Spechtl wiederum, hervorgegangen aus der burgenländischen Gruppe Flashbax, bedient sich tatsächlich aus einem reichhaltigen Angebot: bei Punk und Falco, bei der Hamburger Schule und Bob Dylan, Helmut Qualtinger und Lou Reed, der sogar mit einer schmissigen Coverversion von "Satellite of Love" bedacht wird. Das klingt vertraut und unerhört zugleich, nach dem wilden Denken der Bricolage, nach wüstem Flickwerk aus einem Guss und rüde montierten Slogans, stets den nächsten Exzess anpeilend, wie in dem wunderbar eskalierenden Stück "Ich bringe mich in Form".
Dass das Ganze in seiner Vielbezüglichkeit nicht angestrengt wirkt, sondern leicht ins Ohr geht, liegt zum einen am abwechslungsreichen Spiel der Gruppe, zum anderen aber auch daran, dass euphorische Wut, intelligenter Pessimismus und melancholische Katerstimmung stets von einem abgründigen Humor abgefedert werden. So wird der Ausdruckswille gelegentlich jugendlich-aufgekratzt übertrieben, während sich lässige Chorgesänge und Klatschen im Hintergrund breitmachen, das Schlagzeug Fahrt aufnimmt und die Gitarren hysterisch kreischen. In den besten Momenten vereinen die Stücke die typischen Merkmale des Rock mit der Eingängigkeit des Pop, so dass daraus breitbeiniger, abgebrühter und exaltierter Pop wird, der Geschichten zu erzählen vermag, die scheinbar authentisch daherkommen, ihre Künstlichkeit jedoch nicht verhehlen. Oder, um abermals Zielsetzung und Vorgehensweise von Ja, Panik zu bemühen, was bei derart schlitzohriger Verve freilich mit Vorsicht zu genießen ist: "Das ist alles schon passiert und geschrieben. Wir können es stumpf wiederholen oder uns seiner annehmen." Es gilt also einmal mehr, das, was jeder zu kennen glaubt, neu zu betrachten, anders zu erzählen, wenigen Akkorden noch ein paar frische Klänge abzugewinnen.
Ja, Panik haben den hingeschrammelten Indie-Pop nicht neu erfunden. Ihr Album ist alles andere als homogen, und nicht immer gelingen die Stilwechsel mühelos. Trotzdem bleiben etliche Songs hängen, mit ebenso charmanten wie dräuenden Versen. Im CD-Regal einer deutschsprachigen Jugendbewegung sollte zwischen Tocotronic, den Türen oder GUZ jedenfalls noch ein Plätzchen frei sein für sie. Die fünf Jungs ficht die Meinung eines, wie sie schreiben, "over-sophisticated Pop-Diskurslers" ohnehin nicht an. Hauptsache, guter Geschmack führt nicht in die Pleite.
Alexander Müller
Kämen sie aus England, wären sie die neuen Helden der Jugend. Ja, Panik kommen aber aus Österreich und sind vorerst nur die beste deutschsprachige Rockband, die kaum wer kennt. Ihre zweite CD sollte das ändern. GERHARD STÖGER
Das blühende Leben sieht etwas anders aus als der schmächtige junge Mann, der da in der Wohngemeinschaft seiner Band zur Mittagszeit die Tür öffnet. Sein dunkles Outfit entspricht der klassischen Existenzialistenuniform, der Schwärze seiner Haare hat Färbemittel wohl noch extra nachgeholfen. Sein Mittagessen könnte auch ein Frühstück sein, es besteht aus starkem Kaffee und Zigaretten. Unter den Augen zeichnen sich dunkle Ringe ab, und auch der bleiche Teint lässt auf die Art von Lebenswandel schließen, vor der uns Mama und Papa immer gewarnt haben.
Der junge Mann spricht leise und etwas zögerlich; nicht jeder von ihm begonnene Satz findet auch ein Ende. „Alle zwei Monate stehe ich wieder vorm materiellen Nichts, aber momentan funktioniert das irgendwie“, sagt er, der zeitig beschlossen hat, von der Musik zu leben. Von der eigenen Musik, vom Plattenauflegen und von Roadie-Tätigkeiten für andere Bands. Der junge Mann heißt Andreas Spechtl, ist 23 Jahre alt, spielt Gitarre und singt bei einem Quintett namens Ja, Panik. „Ja, Panik“? Genau: Ja, Panik, hervorgegangen aus der einst mit Freunden am Gymnasium betriebenen Gruppe Flashbax („Straight Outta Schilfgürtel“).
Wäre Ja, Panik eine britische Band, der New Musical Express hätte sie wohl schon als neue Helden des Rock ’n’ Roll gefeiert und Andreas Spechtl zum Star erklärt. Ja, Panik aber sind in Hernals daheim und im Burgenland aufgewachsen. Mit der Popkultur ist es da nicht weit her, und junge Buben, die sich von Musik etwas mehr als nur eine Handvoll belanglos-hübscher Lieder sowie die Steigerung des Sexappeals erwarten, werden da traditionell eher skeptisch beäugt. Ja, Panik zeigen sich davon unberührt. Sie machen ganz einfach ihr Ding, leben seit einem Jahr sogar in derselben Wohnung, arbeiten entsprechend intensiv an ihrer Kunst – und haben mit ihrem zweiten Album „The Taste and the Money“ beim österreichischen Independent-Label Schoenwetter soeben eine CD veröffentlicht, die den Hörer erstaunt und sprachlos zurücklässt.
Ja, Panik sind jung und spielen deutschsprachige Rockmusik. Von der durchschnittlichen Indie-Rock-Jugend mit ihren durchschnittlichen Liebesliedern und ihrer durchschnittlichen Coolness könnten Spechtl & Co aber kaum weiter entfernt sein. Diese zwölf Lieder sind im selben Moment kunstsinnig und ungemein packend, sie beuteln einen kräftig durch und hören auch lange nach dem Ende des letzten Tons nicht damit auf. Was nicht zuletzt mit den Texten zu tun hat, die nie einfach nur Geschichten erzählen, sondern in einer poetisch verdichteten Sprache Stimmungen entwerfen.
Selbst eine mehr oder weniger unmittelbare Verbeugung vor Heller/ Qualtinger („Wien, du bist ein Taschenmesser“) bekommen Ja, Panik ganz ausgezeichnet hin. Einmal gibt der junge Hupfer aus dem Burgenland sogar den alten Bluesmann und singt – ohne sich dabei lächerlich zu machen – davon, dass der Teufel seine Seele nicht haben wollte. Nicht selten wird in diesen Liedern vom Exzess berichtet. Vom Exzess – und dem Kater, der Katharsis danach. „Das singende Ich ist nicht unbedingt mit dem Sänger gleichzusetzen“, erklärt Spechtl. „Ich muss Texte so lange bearbeiten und verfremden, bis ich beim Singen nicht mehr das Gefühl habe, meine Seele auszukotzen.“ Der emotionalen Intensität schadet diese Herangehensweise kein bisschen, eventuellen inhaltlichen Plattheiten beugt sie aber zuverlässig vor.
„The Taste and the Money“ ist nicht einfach nur die beste deutschsprachige Rockplatte, die hierzulande seit sehr langer Zeit erschienen ist, sie strahlt auch weit über Österreich hinaus aus und muss sich heuer eigentlich nur mit Tocotronics Großtat „Kapitulation“ messen lassen. Unmittelbare Vorbilder dieser entgegen der typischen Rockbesetzung auch fix mit einem Piano (kein Synthesizer!) ausgestatteten und auch zur einen oder anderen Ukulele-Einlage nicht Nein sagenden Musik lassen sich nur schwer ausmachen. Dass im Gespräch aber Namen wie Fehlfarben oder Ton Steine Scherben fallen, passt ebenso wie die Tatsache, dass mit „Satellite of Love“ ein frühes Solostück von Lou Reed lässig gecovert wird.
„Leute, die man wirklich bewundert, sind entweder schon tot oder haben seit zwanzig Jahren keine gute Platte gemacht“, sagt Spechtl – und nimmt davon gerade einmal Bob Dylan aus, seinen großen Helden, den er bereits als Kind in der elterlichen Plattensammlung entdeckte und den er wie keinen anderen Künstler schätzt. Er wolle auf keinen Fall kulturpessimistisch daherkommen, meint Spechtl entschuldigend, aber er könne aktuellem Indierock eben kaum etwas abgewinnen.
„Unsere Musik lebt vom Zitieren, von Plagiaten und vom Zusammenpicken. Gleichzeitig steht sie aber sehr bewusst gegen diesen Retrowahn, wo sich Bands irgendeinen Stil der letzten dreißig Jahre herauspicken und den dogmatisch wiederholen.“ Authentisch zur Schau gestelltes Leid in Liedform mag Spechtl, der seit einiger Zeit auch als Livegitarrist für die Berliner Band Britta tätig ist, ebenso wenig. „Ich halte nichts davon, wenn Musik zur Selbsttherapie wird, um dadurch besser mit seinem Leben klarzukommen; ich will vielmehr Kunst im Sinne von Künstlichkeit!“
Der in seinen Songs häufig wiederkehrende Rausch hat durchaus seine reale Entsprechung. „Die Texte haben etwas Humoristisches, aber da steckt auch das Plädoyer dafür dahinter, sich das Abenteuer zurückzuholen und ein Stück weit am Abgrund dahinzutaumeln. Dabei geht es nicht so sehr um den Exzess an sich oder gar darum, sich stumpf einer Sucht unterzuordnen, sondern ganz einfach um das befreiende Moment.“ Journalisten bekommen von Ja, Panik ein Manifest zur Platte mitgeliefert, das formschön einem Reclam-Heft nachempfunden und stilgerecht auf einer alten Schreibmaschine verfasst wurde. „Wir müssen uns glühend, glanzvoll und freigiebig verschwenden!“, heißt es darin. „Der Exzess, der Rausch, die Raserei muss uns treiben. Wir sind Feinde der Ordnung.“
Vor einigen Wochen haben Ja, Panik das auch in Berlin demonstriert. Im Anschluss an ein Konzert bei der Musikfachmesse Popkomm hat sich die Band in der Bar nackt ausgezogen – und wurde von den lokalen Securitys dafür brutal verprügelt. „Betrunken neigen wir dazu, komische Aktionen zu starten“, sagt Spechtl. „Natürlich war das idiotisch, aber man kann es auch als Statement gegen dieses ungute Ambiente dort verstehen.“ Es sollte theoretisch möglich sein, sich in einer Bar auszuziehen, ohne dadurch eine einseitige Gewaltanwendung hervorzurufen, meint der Sänger. „Man könnte ja auch einfach sagen: ‚Nerv mich nicht, du angesoffener Bub, was hältst du mir deinen nackten Hintern hin?‘ So gesehen ist die einzige Lehre dieser Geschichte, es beim nächsten Mal wieder genau so zu machen.“
Schon der selbst betitelte Erstling von Ja, Panik war eine schöne, runde Sache, voll ungeschliffener Pop-Perlen und juveniler Aufgekratztheit. Eineinhalb Jahre später beglückt die mittlerweile zum Quintett angewachsene Wiener Formation mit burgenländischen Wurzeln nun mit einer der besten heimischen Gitarrenplatten der letzten Jahre überhaupt. Hämmerndes Piano, rasende Gitarren, schepperndes Schlagzeug: Die überwiegend in Deutsch gehaltenen Songs sind noch dringlicher, noch energischer als zuvor, in den besten Momenten wie beim manisch gebrüllten „Marathon“ gar überwältigend. Ja, Panik lassen die Finger von angesagten Trends und allzu offensichtlicher Plünderung der Musikgeschichte – und klingen so erfreulich eigenständig. In „Satellite Of Love“ schreit Sänger Andreas Spechtl: „Wir werden brennen Baby, lichterloh.“ Und das tut auch diese Musik: vor Intensität, vor Leidenschaft.
Ja, Panik sind eine Band, die einen glauben macht, dass etwas weitergeht in der hiesigen Popkultur. „The Taste and the Money“ ist ihr erstaunliches neues Album.
"The Taste and the Money" von Ja, Panik ist am 12. Oktober bei Schönwetter Schallplatten (im Vertrieb von Hoanzl) erschienen.
Gibt man „Ja, Panik“ in die Internet-Suchmaschine des Vetrauens ein, bescheren einem die Resultate ein echtes Aha-Erlebnis. Man stößt eben nicht auf die übliche Band-Biografie (wahlweise von Auskennern fremdgeschrieben oder kokett selbstbespiegelt) sondern auf ein ausgewachsenes „Programm“ zu ihrem neuen Album. In sechs Punkten hängen sich die fünf jungen Herren zu ihren Gitarren Ambitionen und Leidenschaften um, denen sie mit ihren zwölf neuen Songs auch gerecht werden: „Ein Gespenst brüllt aus unseren Lautsprechern. Das Gespenst heißt European Rich Kid. Es singt sich schmutzige Lieder von seiner blütenweißen Seele.“
Aus der burgenländischen Larve Flashbax, die noch recht epigonal anmutete (Tocotronic!), entwickelte sich der einst leichtgewichtige Band-Schmetterling über Personal- und Ortsveränderung (Wien und Studieren mal wieder) seit dem im März 2006 erschienenen ersten Album zu einem veritablen Wildvogel mit individueller Flug-Unordnung, dessen Schwingenschlag den unbedingte Harmonie- und Gefallsucht gewohnten heimischen Musikkonsumenten schon mal aus der Bahn werfen kann.
Nicht zuletzt ermöglicht wird Musik auf diesem Level durch die weitgehende Durchwirkung von Band und Privatleben der fünf Mitglieder, die zusammen in einer WG wohnen und so ihre Ideen tagtäglich entwickeln, besprechen und dann gemeinsam umsetzen können. Das kommt auch dem gesamtheitlichen Anspruch von Ja, Panik entgegen: Band-Sein schließt für Andreas Spechtl, Christian Treppo, Stefan Pabst, Thomas Schleicher und Sebastian Janata die Aspekte Außenrepräsentation, Artwork, Flyer und Videos zwingend mit ein. Gleichzeitig wird im Interview klar, dass wir es bei Ja, Panik mit einer Gruppe zu tun haben, die sich von den vorherrschenden Jungs-Bands so weit als möglich entfernt aufstellt („Speit jeden Tag auf den Altar eurer Männlichkeit!“) und nichts vom Textprinzip „gesungenes Tagebuch“ hält.
"Speit jeden Tag auf den Altar eurer Männlichkeit!"
Natürlich greifen die Ideen und Befindlichkeiten der gesungenen Worte ins eigene Leben hinein, aber was den maßgeblichen Unterschied macht, ist die Tatsache, dass dann „vom eigenen Erleben weggeschrieben wird“ und konkret bei „The Taste and the Money“ die Prinzipien Übertreibung und Überspitzung, die Absicht das Euphorisierende und Niederschmetternde herauszuheben die künstlerischen Filter (oder besser: Luftpumpen) waren. Womit Ja, Panik die hierzulande notwendige kulturelle Aufklärungsarbeit, dass das „Ich“ in einem Song nicht das des einen Text vokalisierenden Sängers sein muss, auf ihre Art mittragen.
Ja, Panik trinken das Glas Pop, das man ihnen in die Hand drückt mit Gusto aus – egal wieviel drin ist. Und sie schmeißen das leere Gefäß, wenn schon nicht auf den richtigen Dummkopf, dann doch wenigstens so knapp an ihm vorbei, dass er sich ertappt weiß.
Das korrespondiert hervorragend mit der musikalischen Strategie der Band, die sich der Enge des Indierock-Formats bewusst ist und sich nicht defensiv ins vorhersehbare Eckchen stellt, sondern aus dem Pool der Referenzen selbstbewusst fladert, kurzschließt und kombiniert was ihr taugt, anstatt sich wieder nur sklavisch an ein, zwei, drei Vorbildern abzuarbeiten. In diesem Geiste glückt eine Lou-Reed-Coverversion mit ebensolcher Selbstverständlichkeit, wie das ihr vorangehende Stück „Thomas sagt“, in dem auf Ton Steine Scherben, noch dazu auf deren „Keine Macht für Niemand“, musikalisch Bezug genommen wird.
Umso bemerkenswerter ist, dass es das „Finde das Zitat“-Spiel nicht braucht, um an dieser Musik ohne gerunzelte Denkerstirn einen großen, mit Ideen vollgesoffenen (und verkaterten) Spaß zu haben. Ein Faktum, das wiederum dem Humor dieser außergewöhnlichen Band zu verdanken ist. So gelingt ein wahres und wahrhaftes Album wie „The Taste and the Money“.
Möglicherweise werden der Band Ja, Panik ihre momentanen Frisuren in ein paar Jahren sehr, sehr peinlich sein. Das sind so modische Torheiten mit Asymmetrie und Klebemasse. Was ihnen nicht peinlich sein muss, ist ihr Album The Taste And The Money. Es ist neben We Carried The Sunlight Down To The Day von Bell Etage das beste heimische Rockalbum des heurigen Jahres. Während Bell Etage Englisch singen, bleiben Ja, Panik in der Muttersprache und formulieren in ihr den gerechten Zorn der Adoleszenz mit einer lange nicht gehörten Scheiß-drauf-Haltung, die das renitente Wesenselement des Rock 'n' Roll sympathisch pflegt und sich so wesentlich von diversen Wellness-Rockbands unterscheidet. Es dröhnt herb und derb die Gitarre, das Piano steht für den versteckten Schöngeist im Bandgefüge und balanciert einen über Albumlänge durchhaltenden Spannungsbogen. Geile Sache! — flu
Die in Wien lebende burgenländische Band und Wohngemeinschaft Ja, Panik hat mit The Taste And The Money ein furioses Rockalbum aufgenommen.
Ja, Panik lautet der Bandname, Raserei und Exzess stehen am Programm. Die Herren sind jung, doch eben keine typische Indie-Jungs-Band mit mittelmäßigen Songs und Befindlichkeitstexten. Nein, Ja, Panik brennen an beiden Enden lichterloh. Ihr neues Album The Taste And The Money ist neben den letzten Werken von Naked Lunch das spannendste Rockalbum, das in den letzten Jahren in Österreich entstanden ist. Wie es klingt? Verstörend, laut und mitreißend. Musikalische Vergleiche greifen im Fall von Ja, Panik dagegen zu kurz. Mal klingt die Band nach kunstvoll gebrochenem Punk, dann wieder schlägt die frühe Britpop-Prägung durch oder die Liebe von Sänger und Songschreiber Andreas A. Spechtl zu Bob Dylan. „Es ist komisch“, sagt er, „doch die meisten Helden von mir sind entweder alt oder schon tot. Das heißt nicht, dass ich gern in einer anderen Zeit leben würde, aber mit dem Retro-Rock von heute haben wir nichts zu tun. Wenn es sein muss, distanzieren wir uns auch davon.“ Ja, Panik wissen als popbeflissene Menschen, die die letzten Jahre neben Musikmachen, Jobben und Studieren vor allem auch zum Musikhören verwendet haben, natürlich, dass sich die Rockmusik nach all den Jahren nicht mehr neu erfinden lässt. Sie verstehen es jedoch, die Karten ein wenig neu zu mischen, vermengen kluge Popzitate mit poetischen Betrachtungen und authentischen Dreck unter den Fingernägeln mit Kunstansprüchen. Spechtl sagt: „Mir geht es nicht darum, in den Texten mein eigenes Leid auszukotzen. Es geht um Künstlichkeit und Übertreibung. Der Typ, von dem ich singe, das bin nicht ich. Ich würde den aber gern einmal treffen.“
Spechtl, nachtbleich und langsam sprechend, flirtet mit dem Exzess und kostet ihn manchmal sicher auch ein wenig aus. Die meiste Zeit aber ist er ein ruhiger, nachdenklicher junger Mann, dessen Kopf zu voll ist mit Gitarrenmusik, Büchern und Ideen, als dass er leichtfertig allzu viele Gehirnzellen herschenken würde. Sein Leben und das der Kollegen Stefan Pabst (Bass), Christian Treppo (Klavier), Thomas Schleicher (Gitarre) und Sebastian Janata (Schlagzeug) ist voll und ganz auf Ja, Panik ausgerichtet. Musik und Leben, das können und wollen die fünf Anfangzwanziger, die zusammen im 16. Bezirk von Wien eine WG bilden, nicht trennen. „Für uns ist diese Nähe ganz normal, Andreas, Christian und ich sind seit der Schulzeit im Burgenland Freunde“, sagt Stefan Pabst. „Mir kommt es komisch vor, wenn Bands sich nur ein oder zwei Mal die Woche zum Proben treffen, aber von sich sagen: Wir sind so gute Freunde.“ Ja, Panik sind wirklich Freunde („Aber keine Hippie-WG“, wie Spechtl einwirft). Sie halten zusammen. Neulich haben sie auf der Musikmesse Popkomm in Berlin ein Konzert gespielt. Es sei ein gutes Konzert gewesen, jedoch „an einem komischen, stylischen Ort mit aggressiven Securitys“ (Spechtl). Überwältigt von Übermut und zu viel Alkohol beschloss die Band kurzerhand, sich auszuziehen. Eine Tracht Prügel und ewiges Lokalverbot waren die Folge. „Wenn man ehrlich ist, war die Aktion eher blöd als subversiv“, gesteht der Sänger. Man sieht daran dennoch: Ja, Panik wollen nicht um jeden Preis den Sprung nach Deutschland schaffen, obwohl die Fühler längst ausgestreckt sind. Deutsche Musikmedien haben schon das Vorgänger-Album Ja, Panik (2006) sehr positiv besprochen, der Berliner Songschreiber Jens Friebe hat Ja, Panik kürzlich als seine Lieblingsband bezeichnet. Ihr ästhetisches Programm ist vielleicht nicht mehrheitsfähig, aber reizvoll: Wahre Schönheit entsteht oft erst durch Mut zur Hässlichkeit.
[...]die neue CD von Ja, Panik. Ein großartiger Tonträger einer super Band, der jede Sekunde, jeden Takt danach klingt, dass diese Musik raus will, an und über die Grenzen gehen, Euphorien kicken und teilen.
Zurecht schlagen über „The Taste And The Money“ – so heißt dieses Album – jetzt die Wellen der Begeisterung zusammen. Wo sich österreichischer Mainstream-Pop Mainstream als das hemmungslose und ungenierte Mittelmaß gibt (siehe Ö3 und die „neuen Österreicher“), quasi unter der Patronanz des Mittelmäßigsten aller Mittelmäßigen, Rainhard Fendrich, haben wir hier einen wahrlich großen Wurf. 12 Lieder voller großer Gesten, Worte und Töne, die der allumfassenden Ambivalenz („ein großes Thema“ sagt Sänger Andreas Spechtl) mit leidenschaftlicher Unnachgiebigkeit zuleibe rücken, ohne vor lauter überbordenden Emotionen gleich das Hirn auszuschalten.
Ja, Panik sind eine Band im Prinzip des Exzesses. Im Prinzip deswegen, weil sie verstehen und sind, was Will Oldham über die Mekons singt: „If we drink, we still think.“ Der singende Mund wird hier immer voll genommen, immer und absichtlich viel voller als „echt“ (weil gesungene real existierende Tagebücher auch sehr öd sein können), und die liebevoll gewürgten sechs Saiten wollen etwas, oder wenigstens etwas wollen wollen: „ … und eure Gitarren werden wie von Zauberhand vom reinen Werkzeug zum einzig wahren Glied werden.“ Das schreiben Ja, Panik im zum Album gehörigen Programm in sechs Punkten, ein herrliches Traktat, das lustig und todernst zugleich für die Band der Leitfaden beim Einspielen dieses ihres zweiten Albums war und das auf einer anderen Ebene, als die Musik Klartext spricht. Davon, dass es diesen fünf jungen Männern (unter anderem) darum geht, sich von den handelsüblichen, völlig bruchfreien rockistischen Männer/Jungs-Banden als Mono-Retro-Gitarren-Kombos weitestmöglich abzusetzen.
Gerade wegen ihrer Skepsis dem eigenen Format gegenüber funktioniert diese Musik so logisch. Mit zwei Gitarren (Thomas Schreier und Andreas Spechtl), Bass (Stefan A. Pabst), Tasten (Christian Treppo) und Drums (Sebastian Janata) hat die Band, die seit März 2006 (hauptsächlich) in Wien arbeitet, einen bei aller – bewusst und unbewusst – mitklingender Rock/Pop-Geschichte einen Sound, einen Stil, der tatsächlich ihr eigener ist. Formell und inhaltlich von einer raren Dichte (Ja, Panik teilen nicht nur eine musikalische Vision, sondern leben auch zusammen, und teils wurde „The Taste And The Money“ gleich in der „Ja, Panik“-Zentrale, der Band-WG aufgenommen) sind eigentlich alle Songs Perlen. Egal ob „Marathon“, „Quizshows“, „Roadmovie to …“ (mit der herrlichen Chor-Conclusio „Darling don´t you cry, we´re on a roadmovie to …“), das krachende „Thomas sagt“ („Wir werden Feuer fangen, wir werden brennen, Baby, lichterloh, after all you should know that satan he rejected my soul“) oder „Wien, Du bist ein Taschenmesser“. So gut ist das alles, dass das Cover von Lou Reeds „Satellite Of Love“ nur ein Highlight unter vielen ist. Ja, Panik – eine beste Band der Welt, eben jetzt.
Halt, halt, halt! Noch ein Blick zurück auf die Myspaceseite und das „Programm in sechs Punkten“ der Band durchlesen. Unverholen grinst da die Befindlichkeit, ja die Generationen-Grimasse um die Ecke: „Wir müssen uns glühend, glanzvoll und freigiebig verschwenden! Der Exzess, der Rausch, die Raserei muss uns treiben. Wir sind Feinde der Ordnung. Wir lieben den Bodensatz, das unverbildete, zerrissene Leben das sich unter der schönen Oberfläche dieser Stadt finden lässt. Schimpft uns Voyeure, denn das sind wir. Was bleibt ist der Ekel am Morgen danach, die intensivste, ja schmerzhafteste Form der Realität. Das ist der Nullpunkt, hier können wir ansetzen.“ Wütend, unsicher und trotzig. Keine übersteigerte Innerlichkeit, einfach raus mit dem ganzen Anpassungs-Scheiß. Kotz Dich aus, Jugend und genieße es! Der Unsinn hört erst auf, wenn Du unter der Erde oder 35 bist. Bukowski, Rimbaud, ach ich weiß es auch nicht… (9/10) — Bastian Kellhofer